Kurz gesagt
- Führungskräfte nehmen offene Entscheidungen, Sorgen um ihr Team und die Erwartung ständiger Erreichbarkeit mit nach Hause.
- Abschalten heißt, auch gedanklich Abstand zur Arbeit zu gewinnen. Eine große Auswertung von Forschenden der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt: Wer gut abschaltet, ist seltener erschöpft und schläft besser.
- Hilfreich sind ein fester Schlusspunkt am Abend, ein Termin für jede offene Entscheidung und klare Regeln zur Erreichbarkeit. Dazu kommt die innere Trennung von Rolle und Person.
- Kreisen die Gedanken trotzdem immer um dieselben Themen, stecken oft innere Antreiber dahinter. Schlafen Sie über Wochen schlecht, lassen Sie das bitte ärztlich abklären.
Warum Führungskräfte so schwer abschalten
Wer führt, nimmt abends mehr mit nach Hause als die Arbeitstasche. Drei Dinge machen das Abschalten besonders schwer.
Offene Entscheidungen
Viele Entscheidungen lassen sich nicht an einem Tag treffen. Sie warten auf Zahlen, auf ein Gespräch oder auf grünes Licht von oben. So lange bleibt die Frage offen. Und Ihr Kopf hält sie fest.
Verantwortung für Menschen
Ihre Entscheidungen haben Folgen für andere. Dazu kommen Sorgen um einzelne Menschen im Team. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat 2023 Daten zur mentalen Gesundheit bei der Arbeit ausgewertet. Je nach Qualifikation berichteten 41 bis 53 Prozent der Führungskräfte von emotionalen Anforderungen. Ohne Führungsfunktion waren es 24 Prozent.
Ständige Erreichbarkeit
Laut Arbeitszeitreport der BAuA von 2022 wird von 29 Prozent der Vorgesetzten erwartet, auch privat erreichbar zu sein. Bei Beschäftigten ohne Vorgesetztenfunktion sind es 18 Prozent. In einer Befragung im Auftrag der HanseMerkur von 2026 nannten 33 Prozent der Führungskräfte die ständige Erreichbarkeit als eine ihrer größten Belastungen.
Die Folgen zeigen sich in der Freizeit. Viele denken ständig an die Arbeit. In einer Befragung des Hernstein Instituts von 2017 sagten 53 Prozent der Führungskräfte in Deutschland und Österreich: Berufliche Themen beschäftigen sie auch in der Freizeit. In der HanseMerkur-Befragung von 2026 sagten 49 Prozent, ihr Schlaf komme zu kurz.
Führung macht dabei nicht automatisch krank. Eine Auswertung der BAuA von 2026 zeigt: Führungskräfte haben mehr Druck, aber auch mehr Spielraum. Belastet sind vor allem jene, die häufig an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten. Von ihnen haben 65 Prozent drei oder mehr psychosomatische Beschwerden wie Erschöpfung oder Schlafstörungen. Umso wichtiger ist Erholung.
Was Abschalten bedeutet und was es bewirkt
Abschalten heißt mehr, als das Diensthandy wegzulegen. Gemeint ist ein innerer Abstand zur Arbeit. Sie sind dann nicht nur mit dem Körper zu Hause, sondern auch mit dem Kopf.
Wendsche und Lohmann-Haislah von der BAuA haben dazu 2017 die Forschung ausgewertet. Sie fassten 86 Veröffentlichungen mit über 38.000 Beschäftigten zusammen. Ihr Ergebnis: Wer in der Freizeit gut abschaltet, ist seltener erschöpft. Auch Schlaf und Wohlbefinden sind besser. Die Leistung leidet nicht darunter. Arbeit in der Freizeit hing dagegen deutlich mit schlechterem Abschalten zusammen. Dazu kann schon der kurze Blick in die Mails am Abend gehören. Die meisten Studien zeigen allerdings nur Zusammenhänge und keine sicheren Ursachen.
Abschalten lässt sich üben. Das zeigt eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg von 2015. Thiart und Kollegen testeten ein Online-Training mit 128 Lehrkräften aus Nordrhein-Westfalen. Alle hatten deutliche Schlafprobleme und grübelten über ihre Arbeit. Das Training verband Regeln für besseren Schlaf mit Übungen gegen Grübeln und für mehr Erholung. Danach gingen die Schlafprobleme deutlich stärker zurück als in einer Vergleichsgruppe, die erst später trainierte. Der Effekt hielt bis zu sechs Monate. Es ist eine einzelne Studie mit Lehrkräften. Sie zeigt aber: Abschalten ist keine Frage des Charakters.
Guter Schlaf ist dabei keine Privatsache. Eine internationale Tagebuchstudie von Barnes und Kollegen aus dem Jahr 2015 zeigt: Nach Nächten mit schlechtem Schlaf hatten Führungskräfte weniger Selbstkontrolle. Am nächsten Tag gingen sie häufiger abwertend mit ihren Mitarbeitenden um. Das senkte das Engagement im Team. Wenn Sie abends abschalten, tun Sie also auch etwas für Ihr Team.
Rolle und Person: Wem gehört die Verantwortung am Abend?
Ich bin selbst seit über 20 Jahren Führungskraft. Beim Abschalten halte ich eine Unterscheidung für besonders hilfreich. Es ist die zwischen Rolle und Person.
Führungskraft ist eine Rolle. Ein Schauspieler spielt seine Rolle auf der Bühne. Nach der Vorstellung hängt er das Kostüm in die Garderobe und geht nach Hause. Bei vielen Führungskräften verschwimmt diese Grenze. Die Verantwortung der Rolle wird zur persönlichen Last rund um die Uhr. Dabei gehört die Verantwortung zur Rolle. Und die Rolle hat Dienstschluss.
Eine zweite Unterscheidung entlastet ebenfalls. Oft ist das Was vorgegeben. Eine Sparvorgabe von oben zum Beispiel oder ein neuer Dienstplan. Das Wie liegt dagegen bei Ihnen. Wie Sie die Nachricht überbringen. Wie Sie Ihr Team begleiten. Dort hat Ihre Kraft eine Wirkung. Über das Was nachts zu grübeln, ändert es nicht.
Lässt Sie ein Thema über Wochen nicht los? Dann hilft eine bekannte Formel: „Love it, change it or leave it“. Sie können die Lage ändern, Ihre Haltung dazu ändern oder gehen. Ich ergänze eine vierte Möglichkeit. Sie tritt ein, wenn Sie keinen der drei Wege gehen. Dann gehen Sie auf Dauer daran zugrunde. Sie tragen die Last jeden Abend weiter mit nach Hause, bis die Kraft nicht mehr reicht.
Was Sie konkret tun können
Im akuten Moment helfen kurze Techniken zum Herunterfahren. Auf Dauer braucht es Stresshygiene. Das sind feste Gewohnheiten, die Erholung möglich machen. Dazu gehören diese Schritte:
- Machen Sie eine Übergabe an sich selbst. Notieren Sie vor Feierabend, was erledigt ist und was offen bleibt. Schreiben Sie dazu, womit Sie morgen beginnen. So wie bei einer Übergabe an die nächste Schicht.
- Geben Sie jeder offenen Entscheidung einen Termin. Halten Sie fest, was Ihnen noch fehlt und mit wem Sie sprechen. Und vor allem: wann Sie entscheiden. Eine Entscheidung mit Termin muss Ihr Kopf nicht mehr bewachen. Warum schon ein Plan beruhigt, lesen Sie im Artikel Gedankenkarussell stoppen.
- Regeln Sie Ihre Erreichbarkeit. Klären Sie mit Ihrem Team und Ihrer eigenen Führungskraft drei Fragen. Wann sind Sie erreichbar? Was gilt als Notfall? Wer vertritt Sie? Klare Absprachen schützen beide Seiten. Und Sie müssen nicht auf Verdacht ständig aufs Handy schauen.
- Schaffen Sie einen Übergang. Der Heimweg kann eine Schleuse zwischen Arbeit und Zuhause sein. Legen Sie zu Hause als Erstes Arbeitskleidung oder Dienstausweis ab. Damit legen Sie auch die Rolle ab. Ein Tipp aus einem Online-Forum bringt das in ein schönes Bild. Dort wirft jemand abends im Auto gedanklich ein großes Tuch über die Firma. Und lässt es bis zum Morgen dort liegen.
- Planen Sie Erholung wie einen Termin. Sport, Musik oder ein Abend mit Freunden holen Ihre Gedanken von der Arbeit weg. Tragen Sie solche Zeiten fest in den Kalender ein.
- Sprechen Sie Ihre eigene Belastung an. Die BAuA empfiehlt Unternehmen ausdrücklich, auch die Arbeitssituation von Führungskräften in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung zu prüfen. Sprechen Sie das bei Ihrer Führungskraft oder beim Betriebsrat an.
Wenn nachts eine Entscheidung im Kopf kreist
Sie wachen nachts auf und denken sofort an die Arbeit. Oft ist es dieselbe Entscheidung. Die neue Schichtplanung zum Beispiel. Oder das Gespräch mit einem Mitarbeiter, der seit Wochen nicht liefert.
Ich kenne solche Nächte selbst. Bei mir ging es zum Beispiel um die Frage, ob ich ein kritikwürdiges Verhalten offen ansprechen soll. Oder ob ich lieber die Harmonie im Team bewahre. Nachts können Sie das nicht entscheiden. Ihnen fehlen Informationen und Gesprächspartner. Wenn Sie nachts grübeln, helfen drei kurze Fragen:
- Kann ich das jetzt lösen? Nachts lautet die Antwort fast immer Nein.
- Wann kümmere ich mich darum? Nennen Sie sich einen festen Zeitpunkt am nächsten Tag.
- Wer kann mir helfen? Eine Kollegin, Ihre eigene Führungskraft oder die Personalabteilung.
Sagen Sie sich dann bewusst: Das ist jetzt nicht dran. Kreisen die Gedanken trotzdem weiter, helfen allgemeine Techniken gegen Grübeln. Sie finden sie im Artikel Gedankenkarussell stoppen. Ist eher Ihr ganzer Körper angespannt, lesen Sie den Artikel Innere Unruhe.
Wenn die Sorge um Mitarbeiter mit nach Hause geht
Manche Gedanken drehen sich um Menschen. Eine Mitarbeiterin ist seit Wochen krank. Ein Mitarbeiter hat private Sorgen. Sie fragen sich, ob Sie genug tun.
Mitgefühl ist eine Stärke. Forschende um Klimecki und Singer am Max-Planck-Institut in Leipzig zeigten 2014 aber einen Unterschied. Ein Training im intensiven Mitempfinden von Leid verstärkte negative Gefühle. Ein anschließendes Training in Mitgefühl stärkte dagegen positive Gefühle. Die Teilnehmenden waren keine Führungskräfte. Übertragen heißt das: Erschöpfend ist vor allem das Mitleiden ohne Abgrenzung.
Fragen Sie sich deshalb: Was liegt in meiner Hand? Ein offenes Gespräch etwa oder ein Hinweis auf Hilfe im Betrieb. Was nicht in Ihrer Hand liegt, dürfen Sie zurückgeben. Sie sind Führungskraft und nicht Therapeut oder Elternteil. Und achten Sie auf sich selbst. In der HanseMerkur-Befragung von 2026 fiel es 67 Prozent der Führungskräfte leichter, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu achten als auf die eigene.
Wann Sie Ihren Schlaf ärztlich abklären lassen sollten
Schlechte Nächte vor wichtigen Entscheidungen kennen viele. Anders ist es, wenn Sie über längere Zeit wegen der Arbeit nicht schlafen können. Lassen Sie sich bitte ärztlich untersuchen, wenn eines dieser Zeichen zutrifft:
- Sie schlafen seit Wochen schlecht ein oder nicht durch.
- Sie sind tagsüber erschöpft und können sich kaum konzentrieren.
- Sie erholen sich auch im Urlaub nicht mehr.
- Sie brauchen Alkohol, um abends herunterzukommen.
- Ihre Stimmung ist über Wochen gedrückt.
Für anhaltende Schlafprobleme gibt es wirksame Hilfe. Erste Anlaufstelle ist Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt. Weitere Warnzeichen für Überlastung finden Sie im Artikel Überforderung im Job.
Warum Techniken allein oft nicht reichen
Viele Führungskräfte kennen diese Tipps. Trotzdem kreist abends dieselbe Frage. Zwei Führungskräfte können vor derselben Entscheidung stehen. Die eine schläft gut. Die andere grübelt bis tief in die Nacht. Der Unterschied liegt auch darin, wie jede die Lage bewertet. Das ist kein Vorwurf, denn Arbeitsbedingungen zählen genauso. Doch die Bewertung entsteht selten bewusst.
Unter Druck entscheidet nicht der bewusste Verstand. Es entscheidet das emotionale Erfahrungsgedächtnis. Dort wirken innere Antreiber. Bei Führungskräften zeigen sich oft diese drei:
- Sei stark. Sie machen alles mit sich allein aus.
- Sei perfekt. Eine falsche Entscheidung erscheint Ihnen unverzeihlich.
- Mach es allen recht. Sie wollen weder Ihr Team noch Ihre Vorgesetzten enttäuschen.
Dazu kommt oft ein tief verankertes Verantwortungsgefühl. Der Satz dahinter lautet etwa: „Ohne mich geht etwas schief.“ Ihr System hat irgendwann gelernt, dass Wachsamkeit schützt. Heute hält genau diese Wachsamkeit Sie abends wach. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Innere Antreiber.
Genau dort setze ich im Coaching an. Zuerst klären wir, was Sie abends festhält. Ist es die Menge an Arbeit, eine unklare Absprache oder ein inneres Muster? In der Rollenklärung trennen wir, was zu Ihrer Rolle gehört und was zu Ihnen als Person. Mit emTrace® und MeSource® bearbeiten wir dann die emotionale Ladung, die an diesen Mustern hängt. Damit die Verantwortung in Ihrer Rolle bleibt und nicht jeden Abend mit nach Hause fährt. Erfahrungsgemäß reichen dafür wenige Sitzungen.
Liegt bereits eine Schlafstörung oder eine Depression vor? Dann gehören Sie zuerst in ärztliche Hände. Im Erstgespräch sage ich Ihnen offen, wenn Ihr Anliegen woanders besser aufgehoben ist.
„Es ist mir gelungen, meine persönlichen Leitplanken zu justieren und offener zu setzen, so dass ich zukünftig nicht mehr in meinem Hamsterrad gefangen bin. Ich gehe seither bewusster und reflektierter mit mir und meinem Umfeld um!“







