Kurz gesagt
- Scham gehört bei Zahnarztangst oft dazu. In einer Studie mit langjährigen Angstpatienten spielte sie bei 27 von 30 Menschen eine Rolle.
- Stark geschädigte Zähne sind für eine Zahnarztpraxis Alltag. Die zahnärztliche Leitlinie empfiehlt einen wertschätzenden und einfühlsamen Umgang mit ängstlichen Menschen.
- Scham und Aufschieben verstärken sich gegenseitig. Je länger die Pause dauert, desto größer wird meist die Scham.
- Der erste Schritt darf klein sein: ein Anruf oder ein Termin nur zum Kennenlernen.
Warum Scham oft schwerer wiegt als die Angst vor Schmerz
Viele Menschen mit Zahnarztangst fürchten nicht nur den Bohrer. Sie fürchten den Blick in ihren Mund. Ein Kopfschütteln. Einen Seufzer. Oder die Frage: „Warum kommen Sie denn erst jetzt?“
Scham fühlt sich anders an als Angst. Angst sagt: Gleich tut es weh. Scham sagt: Gleich sieht jemand, was mit mir nicht stimmt. Deshalb wollen Sie sich verstecken. Und am sichersten versteckt man sich, indem man gar nicht erst hingeht.
Vielleicht haben Sie nach „verfaulten Zähnen“ gesucht. So beschreiben viele Menschen ihre Zähne, wenn sie sich schämen. Ich spreche lieber von stark geschädigten Zähnen. Denn der Zustand Ihrer Zähne ist ein Befund. Er ist kein Urteil über Sie als Mensch.
Die Forschung zeigt, wie stark Scham wirkt. In einer Studie von 2004 werteten Forschende um Rod Moore Gespräche mit 30 Angstpatienten einer zahnärztlichen Spezialklinik aus. Die Frauen und Männer hatten den Zahnarzt im Schnitt fast 13 Jahre gemieden. Bei 27 von ihnen spielte Scham eine Rolle. Die meisten versteckten beim Lächeln oder Lachen ihren Mund. Und je länger die Pause gedauert hatte, desto stärker war die Scham.
Auch die deutsche S3-Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst kennt dieses Muster. Sie nennt „Misstrauen und Scham gegenüber Zahnärzten“ als eigene Form der Angst. Sie sind mit diesem Gefühl also alles andere als allein.
Wenn Scham Sie auch in anderen Lebensbereichen begleitet, lesen Sie gern den Artikel Geringes Selbstwertgefühl.
Was Zahnärzte wirklich denken
Die ehrliche Antwort: Ich kann nicht in jeden Kopf schauen. Aber vieles spricht dafür, dass Ihre Zähne in der Praxis weit weniger Aufsehen erregen als in Ihrer Vorstellung. Vier Gründe:
- Kranke Zähne sind Praxisalltag. Laut der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie haben 14 Millionen Menschen in Deutschland eine schwere Parodontitis, die behandelt werden muss. Das zeigt die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie. Dazu kommen Karies, abgebrochene Zähne und entzündetes Zahnfleisch. Eine Zahnarztpraxis ist genau für diese Fälle da.
- Die Fachwelt kennt Ihre Scham. Die S3-Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst wurde von über 20 Fachgesellschaften und Organisationen erarbeitet. Sie empfiehlt dem Praxisteam eine wertschätzende und einfühlsame Kommunikation. Empathie zählt sie zu den typischen Wünschen von Patienten an die Behandlung. Schimpfen gehört nicht dazu.
- Viele Praxen haben sich auf ängstliche Menschen eingestellt. Manche werben ausdrücklich um Angstpatienten. Das sehen Sie oft schon auf der Internetseite der Praxis.
- Was Sie erzählen, bleibt in der Praxis. Zahnärztinnen und Zahnärzte unterliegen der Schweigepflicht. Das regelt § 203 des Strafgesetzbuchs. Das gilt auch für das Praxisteam.
Aus Sicht der Medizin zählt vor allem eines: dass Sie jetzt kommen. Was in den letzten Jahren war, lässt sich nicht ändern. Was ab heute passiert, schon.
Und wenn doch einmal jemand abfällig reagiert? Dann liegt das Problem nicht bei Ihnen. Sie dürfen das ansprechen. Sie dürfen den Termin auch beenden und sich eine andere Praxis suchen.
Der Teufelskreis aus Scham und Aufschieben
Scham und Aufschieben halten sich gegenseitig am Laufen. Die zahnärztliche Leitlinie beschreibt diesen Teufelskreis für die Zahnbehandlungsangst. So sieht er oft aus:
- Sie schämen sich und verschieben den Termin.
- Ihre Zähne werden in dieser Zeit nicht besser.
- Damit wächst die Sorge vor dem Urteil und vor einer großen Behandlung.
- Die Scham wird größer. Der nächste Anruf fällt noch schwerer.
Dazu kommt das Schweigen. In der Studie von Moore hingen Heimlichkeit und das Verstecken des Mundes eng mit starker Scham zusammen. Viele Menschen sprechen mit niemandem darüber. Nicht mit dem Partner und nicht mit der besten Freundin. So bleibt die Last ganz bei Ihnen.
Dieser Kreislauf hat nichts mit Willensschwäche zu tun. Er ist eine verständliche Schutzreaktion. Und er lässt sich an einer Stelle unterbrechen. Die kleinste Stelle ist meistens ein Anruf.
Der kleinste nächste Schritt
Sie müssen heute keine Behandlung planen. Der erste Schritt darf winzig sein. Diese Punkte können Ihnen dabei helfen:
- Rufen Sie zu einer ruhigen Zeit an. Schreiben Sie sich vorher auf, was Sie sagen wollen. Ablesen ist erlaubt.
- Sagen Sie es gleich zu Beginn. Ein Satz reicht: „Ich war lange nicht beim Zahnarzt und schäme mich für meine Zähne.“ Was ausgesprochen ist, verliert oft schon etwas von seinem Gewicht.
- Bitten Sie um einen Termin nur zum Kennenlernen. Ohne Behandlung. Sie lernen die Praxis kennen und entscheiden danach in Ruhe.
- Vereinbaren Sie ein Stoppzeichen. Zum Beispiel die Hand heben. Die Leitlinie nennt solche Signale als wichtige Hilfe für das Gefühl von Kontrolle.
- Bitten Sie um Erklärungen. Eine gute Praxis kündigt jeden Schritt an. Sie dürfen jederzeit nachfragen.
- Nehmen Sie jemanden mit. Eine vertraute Person im Wartezimmer kann viel Ruhe geben.
Wie Sie den Anruf und den ersten Termin nach langer Pause genau angehen, lesen Sie im Artikel 10 Jahre nicht beim Zahnarzt.
Eine Ausnahme gibt es: Bei starken Schmerzen, Schwellung oder Fieber warten Sie bitte nicht. Dann gehen Sie sofort in eine Zahnarztpraxis oder zum zahnärztlichen Notdienst.
Wenn die Scham tiefer sitzt
Manchmal reicht all das nicht. Sie wissen genau, was zu tun ist. Sie haben die Nummer schon gespeichert. Und trotzdem legen Sie das Handy jedes Mal wieder weg.
Dann ist die Scham oft älter als Ihre Zahnprobleme. Viele Menschen erzählen mir von einem Satz aus der Kindheit. Von einem Zahnarzt, der geschimpft hat. Oder von einem Moment, in dem sie sich im Behandlungsstuhl bloßgestellt fühlten. Ihr Nervensystem hat damals gelernt: Wer seinen Mund zeigt, wird bewertet. Diese Reaktion läuft heute automatisch ab.
Genau dort setze ich im Coaching an. Mit emTrace® bearbeiten wir die emotionale Ladung dieser Erfahrungen. Damit der Anruf wieder machbar wird. Und der Termin ruhiger. Woher die Angst vor dem Zahnarzt sonst noch kommen kann, lesen Sie auf der Seite Zahnarztangst.
Übrigens schaut im Coaching niemand in Ihren Mund. In meiner Praxis müssen Sie sich für nichts schämen. Das Coaching ersetzt keine Zahnbehandlung. Es hilft Ihnen, den Weg in die Praxis wieder zu schaffen.





