Kurz gesagt
- Der Würgereiz ist ein Schutzreflex. Er hält Fremdkörper vom Rachen fern und ist kein Zeichen von Schwäche.
- Würgen beim Zahnarzt ist verbreitet. In einer Studie aus den USA hatte fast die Hälfte der Befragten schon einmal beim Zahnarzt gewürgt.
- Angst und Anspannung können den Reflex verstärken. Wer häufig würgt, hat oft auch mehr Angst vor der Behandlung.
- Hilfreich sind ein offenes Wort mit der Praxis, ruhige Nasenatmung und ein vereinbartes Stoppzeichen.
Der Würgereflex schützt Sie
Ihr Würgereiz ist kein Fehler. Er ist ein Schutzreflex. Er soll verhindern, dass etwas Fremdes in den Rachen und in die Atemwege gerät. So beschreibt ihn auch eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2019.
Beim Zahnarzt kommt Ihrem Rachen vieles nahe. Etwa Spiegel und Sauger. Oder Watterollen und Abdrucklöffel. Laut der pronova BKK springt der Reflex besonders bei Behandlungen an den hinteren Zähnen und beim Abdruck an.
Damit sind Sie in guter Gesellschaft. In einer Studie aus den USA befragten Forschende 478 Menschen im Wartebereich einer Zahnklinik. Fast die Hälfte hatte beim Zahnarzt schon mindestens einmal gewürgt. 7,5 Prozent würgten fast immer oder immer. In einer großen Befragung in den Niederlanden neigten 8,2 Prozent nach eigenen Angaben bei der Zahnbehandlung zum Würgen.
Für Zahnärztinnen und Zahnärzte ist der Würgereiz also ein bekanntes Problem. Sie müssen sich dafür nicht schämen. Wenn Sie sich trotzdem schämen, lesen Sie gern den Artikel Verfaulte Zähne und Angst vorm Zahnarzt. Dort geht es um die Scham, die viele vom Zahnarzt fernhält.
Warum Anspannung den Würgereiz verstärkt
Der Würgereiz hat eine körperliche und eine seelische Seite. Die Cochrane-Übersicht unterscheidet körperliche Ursachen von psychisch bedingten. Bei den psychisch bedingten spielen gelernte Reaktionen eine große Rolle. Dann reicht manchmal schon der Anblick des Abdrucklöffels. Oder ein Geruch. Oder ein Geräusch.
Auch die Forschung zur Zahnarztangst zeigt diesen Zusammenhang. In der Studie aus den USA hatten Menschen mit häufigem Würgen mehr Angst vor der Zahnbehandlung und vor Schmerz. Die niederländische Befragung fand Ähnliches. Die pronova BKK erklärt es so: Eine hohe Muskelspannung durch Angst und Nervosität macht empfindlicher für den Würgereiz.
So entsteht oft ein Kreislauf:
- Sie haben einmal stark gewürgt. Vielleicht beim Abdruck. Vielleicht schon als Kind.
- Beim nächsten Termin erwarten Sie es schon. Ihr Körper spannt sich an.
- Die Anspannung macht den Reflex empfindlicher.
- Sie würgen wieder. Die Erwartung für das nächste Mal wächst.
Ihr Körper hat sich gemerkt: Zahnarzt bedeutet Gefahr für den Hals. Das ist keine Einbildung. Es ist ein gelerntes Schutzprogramm. Und was der Körper gelernt hat, kann sich auch wieder verändern.
Was Sie vor dem Termin tun können
- Sagen Sie es der Praxis vorher. Ein Satz beim Anruf reicht: „Ich habe einen starken Würgereiz.“ Dann kann sich das Team darauf einstellen. Die schlechteste Lösung ist laut pronova BKK das Aufschieben.
- Üben Sie die Nasenatmung. Atmen Sie im Alltag bewusst ruhig durch die Nase. Das verringert das Gefühl, würgen zu müssen. Je vertrauter die Nasenatmung ist, desto leichter fällt sie im Stuhl.
- Üben Sie vor dem Spiegel. Die pronova BKK empfiehlt diese Übung: Stellen Sie sich mit geöffnetem Mund vor den Spiegel. Atmen Sie ruhig durch die Nase ein und aus. Halten Sie das so lange wie möglich durch. Sammelt sich Speichel, ist das normal.
- Legen Sie Ihr Stoppzeichen fest. Zum Beispiel die linke Hand heben. Die Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst nennt solche Signale als Hilfe für das Gefühl von Kontrolle.
- Planen Sie den Termin ohne Zeitdruck. Wer gehetzt ankommt, ist schon vor dem Termin angespannt.
Was im Behandlungsstuhl hilft
- Atmen Sie ruhig durch die Nase. Lassen Sie das Ausatmen etwas länger werden als das Einatmen. Wie langes Ausatmen Ihr Nervensystem beruhigt, erklärt der Artikel Nervensystem beruhigen auf meiner Seite für Einsatzkräfte.
- Nutzen Sie Ihr Stoppzeichen. Schon das Wissen um eine mögliche Pause kann Druck herausnehmen.
- Fragen Sie nach Ihrer Sitzposition. Manche Praxen lassen Patienten beim Abdruck etwas aufrechter sitzen. Probieren Sie aus, ob Ihnen das hilft.
- Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit um. Zählen Sie Ihre Atemzüge. Oder spüren Sie bewusst Ihre Füße auf dem Boden. Ablenkung gehört zu den Methoden, die Fachleute bei Würgereiz nennen.
- Fragen Sie nach etwas Salz. Laut pronova BKK kann ein wenig Salz oder Zucker auf der Zungenspitze helfen. Fragen Sie Ihre Praxis, ob das bei Ihnen passt.
- Zählen Sie beim Abdruck mit. Ein Abdruck dauert nicht ewig. Wer die Sekunden zählt, hat ein Ende vor Augen.
Scanner, Spray oder Lachgas: Was die Praxis tun kann
Auch die Praxis hat Möglichkeiten. Welche davon für Sie in Frage kommt, entscheidet Ihre Zahnärztin oder Ihr Zahnarzt. Am besten gemeinsam mit Ihnen.
- Digitaler Abdruck mit einem Scanner. Manche Praxen erfassen die Zähne mit einem Intraoralscanner. Das ist eine kleine Kamera statt Abdruckmasse. In einer kleinen Studie von 2014 empfanden die Teilnehmenden den digitalen Abdruck als angenehmer. Ob er für Ihre Behandlung möglich ist, klären Sie in der Praxis.
- Betäubende Mittel. Es gibt Sprays oder Gele, die empfindliche Stellen im Mund unempfindlicher machen.
- Lachgas oder andere Formen der Beruhigung. Laut pronova BKK kann Lachgas den Würgereiz verringern. Solche Verfahren haben eigene medizinische Voraussetzungen. Das bespricht die Praxis mit Ihnen.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Die Cochrane-Übersicht von 2019 fand nur vier passende Studien zu Hilfen gegen den Würgereiz. Sie bewertete die Belege als sehr unsicher. Zu Verhaltensmethoden wie Entspannung oder Ablenkung fand sie gar keine passenden Studien. Das heißt nicht, dass nichts hilft. Es heißt: Probieren Sie in Ruhe aus, was bei Ihnen wirkt.
Und wenn schon das Zähneputzen schwerfällt?
Manche Menschen würgen schon beim Zähneputzen. Die pronova BKK rät zu diesen Hilfen:
- Nehmen Sie nur wenig Zahnpasta auf eine trockene Bürste. So entsteht weniger Schaum.
- Nutzen Sie eine Zahnbürste mit kleinem, kurzem Kopf.
- Putzen Sie die empfindlichsten Stellen zuerst.
- Atmen Sie durch die Nase und spucken Sie Schaum zwischendurch aus.
Wenn Sie auch ohne Zahnbürste oft würgen, lassen Sie das bitte ärztlich abklären. Der Würgereiz kann auch körperliche Ursachen haben.
Wenn hinter dem Würgereiz Angst steckt
Manchmal reichen alle Tipps nicht. Sie atmen ruhig. Sie haben ein Zeichen vereinbart. Und trotzdem sind Sie schon Tage vor dem Termin angespannt.
Dann lohnt sich ein Blick auf die Angst vor der Behandlung. Oft hängt sie an einer früheren Erfahrung. An einem Abdruck, bei dem Sie keine Luft bekamen. An einer Behandlung, die nicht aufhörte. Ihr Körper reagiert heute auf das, was er damals erlebt hat.
An dieser Angst setze ich im Coaching an. Den Reflex selbst behandle ich nicht. Mit emTrace® bearbeiten wir die emotionale Ladung belastender Erinnerungen an Zahnbehandlungen. Damit Sie ruhiger in den Behandlungsstuhl gehen können.
Die zahnärztliche Seite bleibt bei Ihrer Praxis. Das Coaching ist eine Ergänzung dazu, kein Ersatz. Mehr dazu lesen Sie auf der Seite Zahnarztangst.




