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Gelassenheit lernen

Ein Kollege macht eine spitze Bemerkung. Auf dem Heimweg stehen Sie im Stau. Und zu Hause wartet schon die nächste Diskussion. Andere scheinen so etwas einfach abprallen zu lassen. Sie dagegen ärgern sich noch Stunden später. Die gute Nachricht: Gelassenheit ist nicht nur eine Frage des Charakters. Hier lesen Sie, was Gelassenheit ist. Und wie Sie Gelassenheit lernen können.

Von Thorsten Springauf, Mental- und Emotionscoach Lesezeit 8 Minuten Stand Oktober 2026

Ein Mann Ende fünfzig sitzt morgens auf einer Holzbank am Feldrand und blickt entspannt in die Ferne

Kurz gesagt

  • Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit. Gelassene Menschen fühlen Ärger und Sorge genauso. Sie lassen sich davon aber weniger steuern.
  • Gelassenheit ist kein fester Zustand. Sie schwankt mit Schlaf, Belastung und Tagesform.
  • Sie lässt sich aktiv entwickeln. Dafür brauchen Sie keine großen Vorsätze. Kleine Übungen im Alltag sind ein guter Anfang.
  • Bringen Sie dieselben Situationen trotz Übung immer wieder aus der Fassung? Dann steckt oft ein altes Muster dahinter.

Was ist Gelassenheit?

Gelassenheit ist innere Ruhe in bewegten Momenten. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) beschreibt sie als „ruhige Beherrschtheit“. Das Wort hat eine lange Geschichte. Es kommt von „lassen“. Die Mystiker des Mittelalters meinten damit eine besondere Haltung. Gelassen war, wer sich selbst und die Welt losgelassen und sich Gott überlassen hatte. Später bekam das Wort seine heutige Bedeutung. Gelassen ist, wer maßvoll mit seinen Gefühlen umgeht.

Etwas vom alten Sinn steckt bis heute im Begriff. Gelassene Menschen halten nicht alles fest. Sie können Dinge auch einmal so stehen lassen, wie sie sind.

Gelassenheit heißt nicht, dass Sie nichts mehr fühlen. Ärger, Sorge und Anspannung gehören zum Leben. Gelassen sind Sie, wenn diese Gefühle Sie nicht mehr steuern. Sie bemerken den Ärger. Und Sie entscheiden trotzdem selbst, wie Sie reagieren.

Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit

Gleichgültigkeit heißt: Es ist mir egal. Gelassenheit heißt: Es ist mir wichtig. Und ich bleibe trotzdem ruhig. Der Unterschied zeigt sich im Handeln. Wer gleichgültig ist, zieht sich zurück. Wer gelassen ist, bleibt im Kontakt und handelt überlegt.

Gelassenheit ist auch nicht dasselbe wie Zusammenreißen. Wer Ärger hinunterschluckt, wirkt nach außen ruhig. Innen kocht es weiter. Forschende der Universität Sheffield haben 2012 die Ergebnisse von 306 Experimenten ausgewertet. Ein Gefühl innerlich zu unterdrücken, half dort kaum. Besser wirkte es, eine Situation neu zu bewerten. Der Effekt war klein bis mittel. Er zeigt aber die Richtung: Gelassenheit beginnt bei der Bewertung.

Warum Sie Gelassenheit lernen können

Ein Blick auf die Resilienz hilft hier weiter. Resilienz bedeutet, unter Belastung psychisch gesund zu bleiben. Oder sich danach rasch wieder zu erholen. Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz betont: Resilienz ist kein festes und unveränderbares Charaktermerkmal.

Für die Gelassenheit gilt dasselbe. Sie lässt sich aktiv entwickeln. Und sie schwankt mit der Tagesform. Nach einer kurzen Nacht reagieren Sie schneller gereizt. Nach einem erholsamen Wochenende bleiben Sie bei denselben Dingen ruhiger. Das ist keine Schwäche. Es ist normal. Warum das so ist, erkläre ich im Artikel Was ist Resilienz? auf meiner Seite für Einsatzkräfte.

Der Psychologe Gert Kaluza hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Es heißt „Gelassen und sicher im Stress“. Darin beschreibt er drei Säulen der Stresskompetenz:

  • Instrumentell: den Alltag stressfreier gestalten und Anforderungen aktiv begegnen.
  • Mental: förderliche Einstellungen und Bewertungen entwickeln.
  • Regenerativ: Ausgleich schaffen und sich erholen.

Für die Gelassenheit sind besonders die zweite und die dritte Säule wichtig. Also das, was in Ihrem Kopf passiert. Und das, was Ihnen Kraft zurückgibt.

Warum gute Vorsätze oft verpuffen

Sie nehmen sich vor, beim nächsten Mal ruhig zu bleiben. Dann kommt die spitze Bemerkung. Und die alte Reaktion ist schneller als jeder Vorsatz. Das liegt nicht an mangelndem Willen.

Unter Druck schaltet Ihr System in einen Alarmmodus. Dann laufen eingeübte Reaktionen automatisch ab. Viele davon haben sich früh gebildet. Ein Beispiel: Wer früher für Fehler Ärger bekam, kann heute stark auf Kritik reagieren. Solche Muster sind tief im emotionalen Gedächtnis verankert. Ein Vorsatz erreicht den Kopf. Das Muster sitzt tiefer.

Oft hängen diese Muster mit inneren Antreibern zusammen. „Sei perfekt“ macht jeden Fehler zur Bedrohung. „Mach es allen recht“ macht jede Verstimmung zum Problem. Mehr dazu lesen Sie im Artikel Innere Antreiber.

Übungen helfen trotzdem. Sie schaffen einen kleinen Abstand zwischen Auslöser und Reaktion. Mit etwas Übung kann dieser Abstand wachsen.

Gelassenheit lernen: Sieben Übungen für den Alltag

Wählen Sie zwei oder drei Übungen aus. Üben Sie zuerst in kleinen Situationen. Etwa im Stau, an der Kasse oder bei einer langsamen Internetverbindung. So sitzen die Übungen, wenn es darauf ankommt.

  1. Machen Sie eine Atempause. Spüren Sie Ärger aufsteigen, halten Sie kurz inne. Atmen Sie einmal tief ein und langsam wieder aus. Fragen Sie sich dann: Wie will ich jetzt reagieren? Schon wenige Sekunden Abstand können Ihre Antwort verändern.
  2. Benennen Sie das Gefühl. Sagen Sie innerlich: „Da ist Ärger.“ Oder: „Ich bin gerade enttäuscht.“ Das klingt einfach. In einer Studie um den US-Psychologen Matthew Lieberman sahen Versuchspersonen belastende Bilder. Benannten sie das gezeigte Gefühl mit einem Wort, reagierte die Amygdala schwächer. Diese Hirnregion ist an starken Gefühlen wie Angst beteiligt.
  3. Stellen Sie die Kontrollfrage. Der griechische Philosoph Epiktet lehrte schon vor rund 1.900 Jahren: „Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht.“ Fragen Sie sich deshalb: Was davon liegt in meiner Hand? Stecken Sie Ihre Kraft dorthin. Den Rest dürfen Sie lassen. Darin steckt der Kern der Gelassenheit.
  4. Schauen Sie aus der Zukunft zurück. Fragen Sie sich: Wie wichtig ist das in einem Jahr? Die Psychologinnen Emma Bruehlman-Senecal und Özlem Ayduk haben diesen Blick in sieben Studien untersucht. Wer eine belastende Lage aus der fernen Zukunft betrachtete, fühlte sich weniger belastet. Der Grund: Der Blick nach vorn macht deutlich, dass auch diese Lage vorübergeht.
  5. Wechseln Sie die Perspektive. Fragen Sie sich: Wie würde eine gute Freundin die Lage sehen? Oder: Was könnte den anderen gerade beschäftigen? In der Auswertung aus Sheffield wirkte der Perspektivwechsel unter den Formen der Neubewertung am stärksten.
  6. Sorgen Sie für Erholung. Gelassenheit braucht Kraft. Schlaf, Bewegung und echte Pausen füllen Ihre Reserven auf. Kaluza zählt sie zur regenerativen Stresskompetenz. An einem ausgeruhten Tag gelingen alle anderen Übungen leichter.
  7. Ziehen Sie abends eine kurze Bilanz. Wo ist Ihnen heute Gelassenheit gelungen? Wo nicht? Was hat geholfen? Schreiben Sie es in zwei Sätzen auf. So lernen Sie Ihre Auslöser kennen. Und Sie sehen Ihre Fortschritte.

Gelassener werden im Job und in der Familie

Im Job

  • Beantworten Sie eine ärgerliche Mail nicht sofort. Schreiben Sie einen Entwurf und senden Sie ihn erst nach einer Pause.
  • Fragen Sie bei Kritik zuerst nach. „Was genau meinen Sie?“ verschafft Ihnen Zeit und Klarheit.
  • Planen Sie Puffer zwischen Terminen ein. Hektik ist ein schlechter Boden für Gelassenheit.

In der Familie

  • Kinder testen Grenzen. Das gehört zu ihrer Entwicklung und ist kein Angriff auf Sie.
  • Abends sind alle müde. Verschieben Sie schwierige Gespräche auf einen ruhigeren Moment.
  • Sie müssen nicht an alles allein denken. Wie Sie die Denkarbeit im Alltag teilen, lesen Sie im Artikel Mental Load.

Wenn Gelassenheit trotz Übung nicht gelingt

Manche Situationen bringen Sie jedes Mal aus der Fassung. Ein bestimmter Tonfall. Kritik von der Chefin. Das Gefühl, übergangen zu werden. Die Reaktion kommt so schnell, dass keine Übung greift. Mit Disziplin allein kommen Sie dann kaum weiter.

Oft hängt die Reaktion an einer alten emotionalen Erfahrung. Ihr System hat damals gelernt: Das ist gefährlich. Diese Reaktion läuft heute automatisch ab.

Genau dort setze ich im Coaching an. Mit emTrace® und MeSource bearbeiten wir die emotionale Ladung dieser Erfahrungen. Dadurch kann der innere Druck nachlassen. Dann muss Ihre Gelassenheit weniger gegen einen inneren Alarm ankämpfen. Zusätzlich lernen Sie einfache Techniken zur Selbstregulation. Sie passen auch in einen vollen Arbeitstag. Erfahrungsgemäß reichen dafür wenige Sitzungen. Wie das abläuft, lesen Sie auf der Seite Stress-Coaching und Burnout-Prävention.

Sind Sie über Wochen gereizt und erschöpft? Oder schlafen Sie schlecht? Dann lassen Sie das bitte zuerst ärztlich abklären.

„Ich gehe seither bewusster und reflektierter mit meinem Umfeld und mir um.“

Christina · Stressprävention

Häufige Fragen

Wie kann ich entspannter werden?

Beginnen Sie mit kleinen Schritten. Planen Sie feste Pausen in Ihren Tag ein. Bewegen Sie sich regelmäßig und achten Sie auf ausreichend Schlaf. Üben Sie im Alltag kurze Techniken wie die Atempause oder das Benennen von Gefühlen. Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung können zusätzlich helfen.

Wie bleibe ich in schwierigen Situationen gelassen?

Schaffen Sie zuerst einen kurzen Abstand. Atmen Sie einmal lang aus und benennen Sie innerlich Ihr Gefühl. Fragen Sie sich dann: Was davon liegt in meiner Hand? Hilfreich ist auch der Blick aus der Zukunft: Wie wichtig ist das in einem Jahr? Üben Sie das vorher in kleinen Situationen.

Wie geht die 5-4-3-2-1-Methode?

Die Übung lenkt die Aufmerksamkeit vom Kopf auf die Sinne. Sie nennen innerlich Dinge, die Sie sehen und hören. Dazu kommt, was Sie spüren. Mit jeder Runde werden es weniger. Eine genaue Anleitung finden Sie im Artikel Gedankenkarussell stoppen.

Wie baut man Stress im Kopf ab?

Schreiben Sie auf, was Sie beschäftigt. Notieren Sie zu jedem Punkt den nächsten kleinen Schritt. Bewegung hilft zusätzlich beim Abschalten. Prüfen Sie außerdem Ihre Bewertung: Ist die Lage wirklich so schlimm? Was davon können Sie beeinflussen? Kreisen die Gedanken trotzdem immer wieder um dieselben Themen, lohnt ein Blick auf die Muster dahinter.

Ist Gelassenheit angeboren?

Nur zum Teil. Menschen bringen unterschiedliche Temperamente mit. Gelassenheit ist aber kein fester Charakterzug. Sie schwankt mit Schlaf, Belastung und Tagesform. Und sie lässt sich aktiv entwickeln. Dabei helfen kleine Übungen im Alltag und gute Erholung.

Thorsten Springauf in seiner Praxis in Nettetal

Über den Autor

Thorsten Springauf ist Mental- und Emotionscoach mit eigener Praxis in Nettetal-Kaldenkirchen. Seit 2012 hat er über 1.200 Coachings begleitet, vor Ort und online. Er arbeitet mit emTrace® und MeSource auf Grundlage aktueller Emotions- und Hirnforschung.

  • emTrace®-Mastercoach
  • MeSource-Facilitator
  • Mimikresonanz®-Trainer und Profiler
  • NLP Master und Practitioner
Weitere Qualifikationen anzeigen
  • Ausbildung zum wingwave-Coach
  • Coach für Imaginative Systemstruktur-Aufstellung
  • Ziel- und Ressourcen-Coach
  • Ressourcen- und Modeling-Coach
  • Time-Line- und Stress-Imprinting-Coach
  • CORE-Transformation-Coach
  • Burnout-Prophylaxe-Coach
  • Coach für systemische Rollenklärung
  • Fitnesstrainer B-Lizenz (BSA-Akademie)
  • Trainer für Sportrehabilitation (BSA-Akademie)
  • Star 2 Spinning-Instructor
  • Polar Own-Zone-Guide

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Coaching ist keine Therapie. Sind Sie über Wochen gereizt und erschöpft? Oder ist Ihre Stimmung gedrückt? Dann sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen
  1. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS): Gelassenheit. Bedeutung und Etymologie (nach Wolfgang Pfeifer). https://www.dwds.de/wb/Gelassenheit
  2. Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR), Mainz: Was ist „Resilienz“? https://lir-mainz.de/resilienz
  3. Kaluza, G. (2023): Gelassen und sicher im Stress. Das Stresskompetenz-Buch. 8. Auflage. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-67116-0
  4. Webb, T. L., Miles, E. und Sheeran, P. (2012): Dealing with feeling: A meta-analysis of the effectiveness of strategies derived from the process model of emotion regulation. Psychological Bulletin 138(4), S. 775–808. https://doi.org/10.1037/a0027600
  5. Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H. und Way, B. M. (2007): Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science 18(5), S. 421–428. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2007.01916.x
  6. Bruehlman-Senecal, E. und Ayduk, Ö. (2015): This too shall pass: Temporal distance and the regulation of emotional distress. Journal of Personality and Social Psychology 108(2), S. 356–375. https://doi.org/10.1037/a0038324
  7. Epiktet: Handbüchlein der stoischen Moral (Encheiridion), Abschnitt I, 1. Übersetzung von Carl Conz (1864). Zeno.org. http://www.zeno.org/Philosophie/M/Epiktet/Handb%C3%BCchlein+der+stoischen+Moral

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