Kurz gesagt
- In der mündlichen Prüfung fehlt jeder Schutz. Sie werden live beobachtet und haben kaum Zeit zum Nachdenken.
- Unter Anspannung wirken neutrale Gesichter schnell streng. Ein Stirnrunzeln kann auch nur heißen, dass jemand konzentriert zuhört.
- Gut helfen lautes Üben und eine Probeprüfung. Dazu kommen ein paar feste Sätze für schwierige Momente.
- In der Prüfung dürfen Sie nachfragen und sich Bedenkzeit nehmen. Auch Ihre Nervosität dürfen Sie ansprechen.
Warum die mündliche Prüfung so viel Angst macht
In der mündlichen Prüfung gibt es keinen Schutz. Sie können nicht zurückblättern und nichts durchstreichen. Ihre Antwort entsteht live vor Menschen, die Sie bewerten.
Dazu kommt der Blickkontakt. Sie sehen jede Regung im Gesicht der Prüfer. Und Sie deuten sie sofort. Ein Nicken beruhigt. Ein Blick auf die Uhr verunsichert. Ein Stirnrunzeln kann die ganze Antwort ins Wanken bringen.
Mündliche Prüfungen gehören zum Abitur und zu vielen Abschlussprüfungen. Auch im Studium und im Staatsexamen wird mündlich geprüft. Viele Menschen erzählen mir dasselbe: Den Stoff können sie. Angst macht ihnen der Moment vor den Prüfern.
Was das Gesicht der Prüfer zeigt und was nicht
Ein Gesicht kann zeigen, dass jemand gerade etwas fühlt. Es zeigt nicht, warum. Und es zeigt schon gar nicht Ihre Note.
Ich bin Mimikresonanz®-Trainer und Profiler. Die Methode schult darin, Gefühle im Gesicht genauer wahrzunehmen. Ihr Ziel ist ausdrücklich nicht, Menschen zu durchschauen. Für mich ist das Wichtigste daraus: Ein Gesichtsausdruck ist ein Hinweis, kein Beweis.
Der Emotionsforscher Paul Ekman hat für einen typischen Irrtum einen Namen geprägt: den Othello-Fehler. Man erkennt ein Gefühl richtig und schreibt ihm den falschen Grund zu. Wer ein Gefühl sieht, kennt damit noch nicht seine Ursache. In Prüfungen passiert genau das leicht. Sie sehen einen skeptischen Blick und denken sofort: Meine Antwort ist falsch. Dabei kann der Blick ganz andere Gründe haben.
Ein Stirnrunzeln heißt nicht „falsch“
Menschen runzeln die Stirn aus vielen Gründen. Das zeigt eine große Übersichtsarbeit der Psychologin Lisa Feldman Barrett und Kollegen von 2019. Derselbe Gesichtsausdruck kann je nach Situation und Person Verschiedenes bedeuten. Barrett nennt ausdrücklich Konzentration als Grund für ein Stirnrunzeln.
Runzelt ein Prüfer die Stirn, denkt er vielleicht gerade über Ihre Antwort nach. Oder über seine nächste Frage. Oder er ist einfach müde.
Unter Druck wirken neutrale Gesichter strenger
Manche Prüfer zeigen kaum Regung. Das kann Gewohnheit sein. Oder Absicht, weil sie keine Hinweise auf die richtige Antwort geben wollen.
Für Sie als Prüfling wirkt ein neutrales Gesicht dann schnell kritisch. Darauf deutet eine kleine Studie der Northwestern University von 2008 hin. Auch wenig ängstliche Menschen deuteten dort neutrale Gesichter eher negativ. Allerdings nur, wenn sie gleich eine Rede halten sollten. Sozial ängstliche Menschen taten das auch ohne diese Aussicht. Wer eine Bewertung erwartet, liest in Gesichter also leicht mehr Kritik hinein.
Wenn ein Blick ein altes Gefühl weckt
Manchmal trifft Sie ein Gesichtsausdruck stärker, als die Situation es erklärt. Ein Prüfer zieht die Augenbraue hoch. Und in Ihnen zieht sich sofort etwas zusammen.
In meiner Praxis sehe ich dahinter in der Regel eine Erfahrung aus der Vergangenheit. Vielleicht hat früher ein Lehrer genau so die Augenbraue hochgezogen. Damit hat er Ihre Leistung kommentiert. Diese Mimik hat damals ein Gefühl in Ihnen ausgelöst. Und diese Verbindung ist geblieben. Auch Jahrzehnte später und in einem ganz anderen Zusammenhang.
Das ist menschlich und völlig normal. Ein bestimmter Gesichtsausdruck kann so ein unangenehmes Gefühl wecken. Mit der Prüfung von heute hat dieses Gefühl dann wenig zu tun. Es ist eher ein Relikt aus der Vergangenheit. Wenn Sie das wissen, können Sie im Moment innerlich unterscheiden: Das Gefühl ist alt. Der Prüfer von heute meint vielleicht etwas ganz anderes.
Mitschreiben heißt nicht Fehler
Wenn ein Prüfer mitschreibt, hat das oft einen schlichten Grund. Bei vielen Prüfungen ist ein Protokoll vorgeschrieben. Die Prüfungsordnung der IHK Köln etwa verlangt eine Niederschrift über den Ablauf der Prüfung. Notizen sagen also wenig darüber, wie gut Sie gerade sind.
So nutzen Sie den Blick auf die Prüfer
- Suchen Sie sich zu Beginn ein Gesicht, das Ihnen freundlich vorkommt. Dorthin dürfen Sie zwischendurch immer wieder schauen.
- Nutzen Sie den Blickkontakt für die Verbindung. Lesen Sie darin keine Notenanzeige.
- Fragen Sie nach, statt zu deuten. „Soll ich das noch weiter ausführen?“ ist eine ganz normale Frage.
So bereiten Sie sich vor
Üben Sie laut. Wer den Stoff nur liest, kann ihn noch lange nicht frei erklären.
- Erklären Sie den Stoff laut. Sprechen Sie Ihre Antworten aus, als säße jemand vor Ihnen. Nehmen Sie sich ruhig mit dem Handy auf.
- Machen Sie eine Probeprüfung. Bitten Sie Freunde oder Kollegen, Sie zu befragen. Am besten mit Fragen, die Sie vorher nicht kennen.
- Bereiten Sie Ihren Einstieg vor. Beginnt Ihre Prüfung mit einem eigenen Vortrag oder Thema? Dann üben Sie die ersten zwei Minuten besonders gründlich. Ein sicherer Start trägt Sie über die größte Aufregung.
- Legen Sie sich Sätze für schwierige Momente zurecht. Wer solche Sätze parat hat, muss im Ernstfall nicht nach Worten suchen. Zum Beispiel: „Darf ich die Frage noch einmal hören?“ Oder: „Ich überlege kurz.“ Oder: „Das weiß ich nicht genau. Ich kann aber sagen, was ich darüber weiß.“
- Klären Sie den Ablauf. Wie lange dauert die Prüfung? Wer sitzt im Raum? Gibt es Vorbereitungszeit? Je weniger Überraschungen, desto ruhiger bleiben Sie.
- Spielen Sie die Prüfung im Kopf durch. Auch den Moment, in dem Ihnen etwas nicht einfällt. Und wie Sie danach ruhig weitersprechen.
Steht statt einer Prüfung ein Vortrag oder Referat an? Dann lesen Sie den Artikel Lampenfieber.
Was in der Prüfung hilft
Sie müssen nicht sofort antworten. Eine Pause von ein paar Sekunden fühlt sich für Sie endlos an. Für die Prüfer ist sie oft einfach ein Zeichen von Nachdenken.
- Hören Sie die Frage ganz zu Ende. Unter Druck beginnen viele zu früh mit der Antwort.
- Wiederholen Sie die Frage in eigenen Worten. Das gibt Ihnen Zeit. Und Sie merken sofort, ob Sie die Frage richtig verstanden haben.
- Sprechen Sie Ihre Nervosität an. Ein Satz wie „Ich bin gerade etwas aufgeregt“ reicht. Prüfer erleben das ständig. Oft nimmt so ein Satz schon spürbar Druck heraus.
- Denken Sie laut. Wenn Sie die Lösung nicht sofort haben, zeigen Sie Ihren Weg dorthin. Auch Teilwissen ist Wissen.
- Atmen Sie zwischen zwei Fragen lang aus. Langes Ausatmen beruhigt das Nervensystem. Wie das funktioniert, erklärt der Artikel Nervensystem beruhigen auf meiner Seite für Einsatzkräfte.
- Lassen Sie eine schwache Antwort hinter sich. Sie ist nur ein Teil der Prüfung. Die nächste Frage ist eine neue Gelegenheit.
Wenn plötzlich alles weg ist
Sagen Sie es offen. Ein Blackout in der mündlichen Prüfung ist unangenehm. Aber er ist kein Ende.
Sagen Sie zum Beispiel: „Mir fällt das gerade nicht ein. Darf ich kurz überlegen?“ Beginnen Sie dann mit einem Teilaspekt, den Sie sicher wissen. Oft zieht ein Gedanke den nächsten nach sich. Manchmal helfen Prüfer auch mit einer Anschlussfrage weiter. Warum der Kopf unter Stress leer wird, lesen Sie im Artikel Blackout in der Prüfung.
Wenn die Angst stärker ist als jeder Tipp
Manche Menschen bereiten sich gründlich vor und sind trotzdem wie gelähmt. Schon der Gedanke an die Prüfer löst Herzrasen aus. Dann steckt hinter der Angst oft mehr als Aufregung.
Oft steckt eine alte Erfahrung dahinter: vor anderen bloßgestellt worden zu sein. Eine Lehrerin, die vor der Klasse lachte. Ein Referat, das schiefging. Ihr Nervensystem hat damals gelernt: Bewertet werden ist gefährlich. Diese Reaktion springt heute in der Prüfung automatisch an. Mit guten Vorsätzen allein kommen Sie dagegen schwer an.
Genau dort setze ich im Coaching an. Mit emTrace® und MeSource bearbeiten wir die emotionale Ladung dieser Erlebnisse. Damit Sie in der Prüfung wieder ansprechbar sind und zeigen können, was Sie wissen. Erfahrungsgemäß reichen dafür wenige Sitzungen. Ideal ist ein Start drei bis vier Wochen vor dem Prüfungstermin. Mehr über den Ablauf lesen Sie auf der Seite Coaching bei Prüfungsangst.





