Kurz gesagt
- Emotionale Abhängigkeit ist keine eigene Diagnose. Gemeint ist eine Bindung, in der das eigene Wohlbefinden fast ganz am Partner hängt.
- Typisch sind starke Verlustangst und ein ständiges Bedürfnis nach Bestätigung. Ohne den anderen fühlt sich vieles leer an.
- Oft hängt der Selbstwert stark an der Beziehung. Die Wurzeln können in frühen Bindungserfahrungen liegen.
- Mehr innere Unabhängigkeit ist auch ohne Trennung möglich. Bei Kontrolle, Drohungen oder Gewalt geht aber Ihre Sicherheit vor.
Was emotionale Abhängigkeit ist
Bei emotionaler Abhängigkeit ist die Bindung an einen anderen Menschen übermäßig eng. Meist geht es um den Partner oder die Partnerin. So beschreibt es das Gesundheitsmagazin der AOK. Betroffene haben das Gefühl, nur dieser eine Mensch könne ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllen. Dazu kommt eine starke Angst, diesen Menschen zu verlieren.
Wichtig ist der Unterschied zur Liebe. Auch in einer guten Beziehung vermissen Sie den anderen. Sie freuen sich auf das Wiedersehen und sind nach einem Streit traurig. In einer gesunden Beziehung können beide aber viele Bedürfnisse auch selbst erfüllen. Bei emotionaler Abhängigkeit hängt fast alles am anderen.
Emotionale Abhängigkeit ist keine eigene Diagnose. Sie beschreibt ein Muster in Beziehungen. Davon zu unterscheiden ist die abhängige Persönlichkeitsstörung im Diagnosesystem ICD-10. Betroffene verlassen sich dort bei kleinen und großen Lebensentscheidungen passiv auf andere. Diese Störung zeigt sich also nicht nur in der Partnerschaft. Ob sie vorliegt, klären Fachleute in Medizin oder Psychotherapie.
Anzeichen: Liebe oder emotionale Abhängigkeit?
Die folgenden Sätze sind kein Test. Sie helfen Ihnen, ehrlich hinzuschauen. Lesen Sie in Ruhe und achten Sie darauf, was Sie aus Ihrem Alltag kennen.
- Ohne Ihren Partner können Sie sich kaum vorstellen, glücklich zu sein.
- Ist der andere nicht da, fühlen Sie sich leer oder unruhig.
- Sie warten auf Nachrichten und lesen sie mehrmals. Eine kurze Pause deuten Sie schnell als Ablehnung.
- Ihre Stimmung hängt fast ganz davon ab, wie es in der Beziehung läuft.
- Sie brauchen immer wieder die Bestätigung, dass Sie geliebt werden.
- Eigene Wünsche stellen Sie zurück, um keinen Streit zu riskieren.
- Freundschaften und Hobbys sind seit Beginn der Beziehung weniger geworden.
- Eifersucht ist häufig. Sie wollen wissen, wo Ihr Partner ist und mit wem.
- Sie bleiben, obwohl Sie in der Beziehung oft unglücklich sind.
- Den Gedanken an eine Trennung halten Sie kaum aus.
Finden Sie sich in mehreren Sätzen wieder? Dann ist das kein Grund zur Scham. Emotionale Abhängigkeit ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Muster, das sich erklären lässt. Und Muster lassen sich verändern.
Woher emotionale Abhängigkeit kommt
Meist gibt es nicht die eine Ursache. Drei Spuren tauchen in Forschung und Fachtexten aber immer wieder auf.
Der Selbstwert hängt an der Beziehung
Manche Menschen machen ihren Wert stark davon abhängig, wie es in ihrer Beziehung läuft. Der US-Psychologe C. Raymond Knee und sein Team nennen das beziehungsabhängigen Selbstwert. In einer Tagebuchstudie von 2008 notierten 198 Studierende zwei Wochen lang ihre Erlebnisse in der Beziehung. Wer seinen Selbstwert stark an die Beziehung knüpfte, fühlte sich nach negativen Erlebnissen in der Beziehung auch schlechter über sich selbst. Ein kleiner Streit wird so schnell zur Frage: Bin ich überhaupt etwas wert?
Oft steckt dahinter ein geringes Selbstwertgefühl. Wer sich selbst wenig wert fühlt, sucht die Bestätigung beim anderen. Auch die AOK nennt ein geringes Selbstwertgefühl als mögliche Ursache.
Frühe Bindungserfahrungen
Die US-Psychologen Cindy Hazan und Phillip Shaver übertrugen 1987 die Bindungsforschung auf die Liebe zwischen Erwachsenen. Sie beschrieben verschiedene Bindungsstile. Menschen mit einem ängstlichen Stil erlebten Liebe als besonders aufwühlend. Typisch waren starkes Kreisen um den Partner und heftige Hochs und Tiefs. Dazu kamen der Wunsch nach völliger Nähe und Eifersucht. Zu diesem Stil gehörte die Sorge, nicht wirklich geliebt zu werden.
Der Bindungsstil hing in ihren Daten auch mit den Erfahrungen mit den eigenen Eltern zusammen. Das passt zu dem, was die AOK beschreibt. Eine gestörte Bindung zu den Eltern oder belastende Kindheitserfahrungen können emotionale Abhängigkeit begünstigen. Ein Bindungsstil ist aber kein Urteil über Sie. Er beschreibt eine Neigung.
Angst vor Ablehnung
Wer große Angst vor Ablehnung hat, passt sich an. Er sagt Ja, wo er Nein meint. So soll die Beziehung sicher bleiben. Auf Dauer geht dabei das Eigene verloren. Wie Sie wieder Grenzen setzen, lesen Sie im Artikel Nein sagen lernen.
Warum sich Loslassen wie Entzug anfühlt
Der Vergleich mit einer Sucht liegt nahe. Und er ist mehr als ein Bild. Laut AOK sehen Fachleute Gemeinsamkeiten zwischen emotionaler Abhängigkeit und einer Substanzabhängigkeit.
Die US-Anthropologin Helen Fisher hat das mit Kollegen im Hirnscanner untersucht. Teilnehmende waren 15 Menschen, die kurz zuvor verlassen worden waren. Sie waren noch immer sehr verliebt. Beim Blick auf ein Foto des früheren Partners waren Hirnbereiche aktiv, die mit Belohnung und Verlangen zu tun haben. Ähnliche Bereiche sind auch bei Sucht beteiligt. Die Aktivität in einem Bereich für Bindung nahm mit der Zeit ab. Je mehr Tage seit der Trennung vergangen waren, desto geringer war sie.
Die Studie ist klein. Sie macht aber verständlich, warum Loslassen so schwerfällt. Und sie gibt einen vorsichtigen Hinweis: Mit der Zeit kann die Bindung nachlassen.
Wege zu mehr innerer Unabhängigkeit
Emotionale Abhängigkeit zu lösen heißt nicht automatisch, sich zu trennen. Oft geht es darum, das eigene Leben wieder breiter aufzustellen. Diese Schritte können helfen:
- Nehmen Sie Ihre Gefühle ernst. Benennen Sie, was Sie spüren. Angst, Leere oder Eifersucht sind Signale. Sie müssen nicht sofort danach handeln.
- Warten Sie kurz, bevor Sie reagieren. Sie wollen gleich eine Nachricht schreiben oder nachfragen? Warten Sie zehn Minuten. Beobachten Sie, wie die Unruhe steigt und wieder sinkt.
- Holen Sie sich Ihr eigenes Leben zurück. Treffen Sie Freundinnen und Freunde. Nehmen Sie ein altes Hobby wieder auf. Planen Sie etwas, das nur Ihnen gehört.
- Sorgen Sie auch selbst für sich. Die AOK rät, einen großen Teil der eigenen emotionalen Bedürfnisse selbst zu erfüllen. Fragen Sie sich: Was tut mir gut, wenn ich allein bin?
- Stellen Sie Ihren Selbstwert auf mehrere Säulen. Ihr Wert hängt nicht an einer einzigen Beziehung. Er zeigt sich auch in Freundschaften und im Beruf. Und in dem, was Sie gern tun.
- Sprechen Sie offen mit Ihrem Partner. Sagen Sie ohne Vorwurf, was Sie brauchen. Vereinbaren Sie gemeinsam mehr Freiraum für beide.
- Holen Sie sich Unterstützung. Allein aus einem tiefen Muster herauszufinden, ist schwer. Bei starkem Leidensdruck ist eine Psychotherapie der richtige Rahmen.
Wenn Kontrolle oder Gewalt im Spiel sind
Nicht jede schwierige Beziehung ist ein Fall für Selbsthilfe. Manchmal wird ein Partner kontrolliert, abgewertet oder bedroht. Dann geht es nicht mehr um Abhängigkeit. Dann geht es um Ihre Sicherheit.
Die Polizeiliche Kriminalprävention zählt auch psychische Gewalt zur häuslichen Gewalt. Dazu gehören Demütigungen und Beleidigungen. Auch Einschüchterungen und Drohungen zählen dazu. Warnzeichen sind zum Beispiel:
- Ihr Handy, Ihr Geld oder Ihre Kontakte werden kontrolliert.
- Treffen mit Freunden oder Familie werden Ihnen verboten oder schwer gemacht.
- Sie haben Angst vor der Reaktion Ihres Partners oder Ihrer Partnerin.
- Es gibt Drohungen, Schläge oder Zwang.
Dann holen Sie sich bitte Hilfe:
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016. Rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos. Die Beratung gibt es auch in vielen Sprachen.
- Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800 123 99 00. Kostenlos erreichbar montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr.
- In akuter Gefahr: Polizei-Notruf 110.
Beide Hilfetelefone beraten auch Angehörige und Freunde. In einer solchen Lage ist Coaching nicht der richtige erste Schritt.
Wenn Ihr Partner emotional abhängig ist
Vielleicht lesen Sie diesen Artikel für jemand anderen. Ihr Partner klammert, meldet sich ständig oder hat kaum noch eigene Interessen. Das kann Sie erschöpfen. Diese Punkte helfen:
- Sprechen Sie in Ich-Sätzen. „Ich brauche auch Zeit für mich“ kommt besser an als „Du klammerst“.
- Bleiben Sie verlässlich. Sagen Sie, wann Sie sich melden. Und halten Sie sich daran.
- Ermutigen Sie eigene Interessen. Freuen Sie sich mit, wenn Ihr Partner etwas allein unternimmt.
- Setzen Sie Grenzen. Sie dürfen Nein sagen, auch wenn es den anderen traurig macht.
- Achten Sie auf sich. Sie können Unterstützung anbieten. Die Veränderung kann aber nur Ihr Partner selbst angehen.
Wenn das Muster tiefer sitzt
Vielleicht verstehen Sie Ihr Muster inzwischen gut. Trotzdem zieht sich alles zusammen, wenn eine Nachricht ausbleibt. Das liegt nicht an fehlendem Willen. Die Angst sitzt nicht im Kopf. Sie sitzt im emotionalen Gedächtnis.
Genau dort setze ich im Coaching an. Wir suchen die Erfahrungen, an denen Ihr Selbstwert hängt. Vielleicht haben Sie dort gelernt, dass Zuwendung unsicher ist. Mit emTrace® bearbeiten wir die emotionale Ladung dieser Erfahrungen. Ziel ist, dass sich Ihr Wert nicht mehr allein an der Beziehung entscheidet. Erfahrungsgemäß reichen dafür wenige Sitzungen. Coaching ersetzt keine Paartherapie und keine Psychotherapie. Mehr zum Coaching lesen Sie auf der Seite Selbstwertgefühl stärken.
„Ich habe mich nach langem Zögern bzgl. meiner Selbstwert- und Selbstbildschwächen an Thorsten Springauf gewandt. Die offene und sympathische Art von Thorsten Springauf nahm mir schnell die Scheu, meine Probleme offen anzusprechen.“





